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Ursula Kraft

Im Jahr des Riesen

160 Seiten, zahlreiche Illustrationen in Schwarzweiß
mit CD
Titelbild: Magdalena Kraft
ISBN 978-3-936156-13-3
19,80 EUR
ab 8 Jahren

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Das ganze Jahr ist wunderbar!

Jan bekommt einen aufregenden Brief per Luftballon, die Zeiger einer Uhr laufen plötzlich rückwärts und Meike entdeckt einen Garten, in dem es sich paradiesisch leben lässt. Dies und noch viel mehr geschieht in dem Jahr, in dem Berti aus einem ganz besonderen Schnee einen Schneemann baut, der es in sich hat...


„Ursula Kraft versteht es... meisterhaft, die Balance zwischen Kinderstimmungen, Phantasien und ernsthaften Themen zu halten...
Sehr empfehlenswert”
- AJuM (GEW)

In Geschichten, Liedern und Gedichten entfalten sich charakteristische Stimmungen der zwölf Monate - beim Spielen im zauberhaften Glitzerschnee zu Jahresbeginn, während eines unbeschwerten Badetages im Juli oder an einem Novembernachmittag mit typischem "Sofawetter".
Neben fröhlichen Erlebnissen bei Faschings-, Weihnachts- oder Geburtstagsfeiern werden auch Themen wie "Ausgrenzung" und "Armut" auf kindgemäße Weise angesprochen.

Dieses reichhaltige Buch beinhaltet alle Texte und Noten der Musikstücke und auf der beiliegenden CD finden Sie eingängige Instrumentalfassungen sämtlicher Lieder zum Mitsingen. So ist es auch für den Einsatz im Unterricht hervorragend geeignet.


Leseprobe aus dem Buch "Im Jahr des Riesen"

Geschichte: "Tauschrausch"

„Was ist denn heute auf deinem Pausenbrot?“ Laurenz äugte zur Brotzeitdose seines Banknachbarn hinüber.
Valentin öffnete sie und sagte: „Auf jeden Fall etwas, was ich nicht mag.“ Er schob die hellblaue Box von sich weg.
Laurenz schaute hinein. „Mm! Ein Schinkenbrot! Magst du tauschen? Ich hab Streichkäse drauf.“
Schon schoben sich die beiden mit getauschten Broten zur Tür hinaus in die Pause. Es war der erste Schultag nach den Pfingstferien.

Die zwei ähnelten sich kein bisschen. Valentin war groß und etwas rundlich, Laurenz dagegen war der Kleinste und Leichteste in der Klasse. Seit zehn Monaten saßen sie nun nebeneinander und verstanden sich sehr gut.
Fast jeden Tag tauschten sie irgendetwas – Bleistifte, kleine Spielfiguren, Radiergummis, Pausenbrote, sogar ihre Mützen.
Am liebsten hätten sie auch ihre Jacken getauscht, aber Valentins Sportjacke war zwei Nummern größer als die von Laurenz. Und ihre Eltern hätten es irgendwann bemerkt und wären bestimmt nicht damit einverstanden gewesen.
Das heißt – so richtige Eltern wie die andern in der Klasse hatte die beiden eigentlich nicht. Das verband sie auch miteinander. Die Eltern beider Jungen waren schon lange geschieden.
Valentin lebte mit seinem Vater in einem großen Haus. Seine Mutter war vor vielen Jahren mit einem andern Mann nach Australien ausgewandert. Valentin konnte sich kaum noch an sie erinnern und Bilder gab es auch nur wenige.
Er hatte alles, was man sich denken konnte: Spiele, die sich auf dem Schrank bis unter die Zimmerdecke stapelten, Baukästen, Bücher und unzählige Videospiele, einen eigenen Fernsehapparat mit Videorekorder, Inlineskater und, und, und...
Aber er war sehr oft allein.
„Es ist mir nicht recht, wenn du während meiner Abwesenheit fremde Kinder ins Haus lässt, Valentin“, hatte sein Vater schon mehr als einmal zu ihm gesagt. Und da er den ganzen Tag in der Arbeit war, konnte er natürlich die Schulfreunde seines Sohnes auch nicht kennen lernen.
So kam es, dass Laurenz noch nie bei seinem Freund zu Besuch war. Die Spiele blieben im Regal, Valentin saß vor dem Fernseher und aß Süßigkeiten. Der Wohnzimmerschrank war voll davon.
Man merkte es besonders in der Sportstunde, dass sich Valentin zu wenig bewegte. Seine Inlineskater hatte er noch gar nicht ausprobiert, denn er hatte Angst, damit zu stürzen.
Laurenz kletterte in der Turnstunde am Tau so hoch, dass die Lehrerin rufen musste: „Stopp, Laurenz! Komm bitte wieder runter! Und pass auf, dass du dich nicht aufschürfst!“ Sie sagte das vorsorglich, denn Laurenz sauste normalerweise wie der Blitz herunter.
Wenn die anderen eine Rolle vorwärts machten, schlug er einen Salto und stand wieder auf seinen Füßen. Er war mit Abstand der Geschickteste und Wendigste in der Klasse. Valentin bewunderte ihn dafür.
„Man merkt, dass du viel draußen spielst“, sagte die Lehrerin zu Laurenz. Und so war es auch, denn drinnen wurde es dem Jungen oft zu eng. Er lebte mit drei Geschwistern in einer ziemlich kleinen Wohnung. Er besaß auch kein eigenes Zimmer, sondern musste es mit seinem älteren Bruder teilen. Bei Reibereien mit ihm zog Laurenz meistens den Kürzeren.
Wie beneidete er Valentin, der ihm schon manchmal von seinem großen Zimmer und den vielen Sachen erzählt hatte!
Laurenz wich nach draußen aus. Er fuhr mit seinem Fahrrad durch die Straßen, besuchte die Spielplätze in der Gegend oder traf sich mit größeren Jungen auf dem Fußballplatz. Die ließen ihn gern mitspielen, weil er so gut war.

Nun gingen die beiden Buben über den Pausenhof. Valentin verzehrte das Brot mit dem Streichkäse und Laurenz verschlang das Schinkenbrot.
„Möchtest du nicht mal zu mir kommen?“, fragte er seinen Freund.
„Und was sagt deine Mutter dazu?“, erwiderte der.
„Mama ist doch bis abends in der Arbeit. Sie merkt‘s gar nicht. Und sie hätte auch bestimmt nichts dagegen.“
Die Mutter von Laurenz musste Geld verdienen. Ihre Schicht ging von zwölf Uhr mittags bis acht Uhr abends. Vor Jahren hatte sich ihr Mann von ihr und den Kindern getrennt und lebte nun mit seiner neuen Familie weit weg in einer andern Stadt. Früher war er noch manchmal zu Besuch gekommen, aber nun schon lange nicht mehr.
Laurenz vermisste seinen Vater. Valentin dagegen konnte sich gar nicht vorstellen, wie es wäre, eine Mutter zu haben, die sich um einen kümmert. Er mochte seinen Vater, aber sie kamen sich nie so nahe, wie Valentin sich das oft gewünscht hätte...
„Also, heute Nachmittag bei mir? Du weißt ja, wo ich wohne“, verabschiedete sich Laurenz nach der Schule von seinem Freund.

Pünktlich um zwei Uhr klingelte es an der Tür. Laurenz öffnete.
„Komm rein“, begrüßte er Valentin und zog ihn in die Wohnung. Auf dem Küchentisch standen Teller und Töpfe vom Mittagessen. Die große Schwester hatte Spaghetti gekocht und die Soße aufgewärmt, die ihre Mutter vorbereitet hatte.
„Magst du was? Na komm, setz dich her!“ sagte sie und häufte Valentin einen Berg Nudeln mit Soße auf einen Teller.
Er begann zu essen und hörte nicht eher auf, bis der Teller leer war.
„Hast du denn heute Mittag nichts gegessen?“, fragte ihn das Mädchen.
„Doch, einen Pudding“, antwortete er. „Mein Vater bringt abends immer was Warmes mit – mal eine Pizza, mal ein Hähnchen...“
„Und mittags?“, bohrte sie weiter.
„Da mach ich mir eine Wurstsemmel oder nehm mir eine Puddingcreme aus dem Kühlschrank.“
Laurenz lief bei dem Gedanken an Pizza und Pudding das Wasser im Mund zusammen.
„Wir sollten mal tauschen“, sagte er im Spaß. „Du ziehst hier ein und ich wohne bei dir!“
„Dann hättest du keine Mutter mehr“, meinte Valentin.
„Aber dafür einen Papa!“, entgegnete Laurenz schlagfertig.

Der Nachmittag war für Valentin so aufregend und lustig, dass er sich auf dem Nachhauseweg vornahm, nie wieder langweilige Videonachmittage zu verbringen. Er wollte Laurenz so oft wie möglich besuchen.
Der lag in seinem Bett und sagte zu seinem Bruder: „Am Abend Pizza, den ganzen Nachmittag allein zu Hause und tun können, was man will... Das wär ein Leben!“
Sein Bruder bezweifelte das. „Auf die Dauer stinklangweilig!“
„Mir nicht!“, meinte Laurenz und träumte sich in eine Geschichte hinein, in der er wie ein Prinz in einem Palast lebte.
Da! Es läutete am Schlosstor! Draußen stand sein Vater mit einem Wagen, der mit Kuchen und Eis beladen war.
„Hier bin ich, mein Sohn!“, rief er und umarmte Laurenz. „Das ist alles für dich!“
Laurenz zog den Wagen ins Schloss, setzte sich mitten hinein und begann zu essen. Er kam sich vor wie im Schlaraffenland.
„Hast du deine Hausaufgaben gemacht, Laurenz?“, hörte er eine Stimme. Er schlug die Augen auf. Seine Mutter hatte sich über ihn gebeugt. Er dachte nach. Au weia! Vor lauter Valentin hatte er glatt die Hausaufgaben vergessen!
„Dann musst du nochmal aufstehen, Laurenz“, sagte seine Mutter und er wusste – es gab kein Entrinnen.
Als sie kurze Zeit später neben ihrem Sohn am Küchentisch saß, schaute sie ihn nachdenklich an. „Laurenz, ich muss mich auf dich verlassen können. Du weißt, dass ich spät heimkomme. Du musst selbstständiger werden, sonst machst du alles noch schwieriger als es schon ist.“
Laurenz bemerkte, dass seine Mutter überarbeitet und müde war.
„Ich versprech dir, dass ich‘s in Zukunft anders mache“, sagte er schnell. Dann erledigte er seine Hausaufgaben – nicht schön, nicht ganz richtig, aber zügig.
Am nächsten Tag war Valentin wieder da. Am übernächsten auch, und so verging fast eine ganze Woche.
Laurenz‘ kleiner Bruder Andreas freute sich jeden Tag auf Valentin. Nun waren nicht nur vier, sondern fünf Kinder in der kleinen Wohnung. Es wurde noch enger, noch lauter. Und eines Nachmittags, als Valentin gerade Blindekuh mit Andreas spielte, sagte Laurenz: „Ich geh mal kurz raus“, und weg war er.

Als ihn Valentin am nächsten Tag in der Schule fragte, was los gewesen sei, antwortete Laurenz genervt: „Ich wollte mal meine Ruhe haben, verstehst du?“
Valentin ließ den Kopf hängen.
Plötzlich rief er freudestrahlend: „Geh doch einfach zu mir! Da hast du Ruhe ohne Ende! Weißt du was? Du kommst heute Nachmittag zu mir und ich zeig dir alles. Dann bleibst du dort und ich geh zu dir, ja?“
„Dein Vater will doch niemanden in der Wohnung haben, wenn er weg ist“, gab Laurenz zu bedenken.
„Aber er ist ja weg, verstehst du? Er merkt gar nicht, dass jemand da war. Du darfst natürlich nichts kaputtmachen oder eine Riesenunordnung hinterlassen...“
Laurenz überlegte. Ängstlich war er nicht und Lust dazu hatte er auch. „Also gut, ich komme“, sagte er.

Am Nachmittag stand er vor dem großen Haus, in dem sein Freund schon auf ihn wartete. Valentin zeigte ihm alles: „Hier sind die Videospiele und die Filme, da die Süßigkeiten und Pudding ist im Kühlschrank.“
Der Junge bekam große Augen.
„Bedien dich, aber räum alles wieder schön auf. Und schließ hinter mir ab. Tschüss! Bis fünf!“ – und schon war er weg.
Laurenz ließ sich erst einmal auf dem Sofa nieder und schaute sich um. Hier war alles blitzblank aufgeräumt. Die Möbel sahen neu und teuer aus. Der Kühlschrank war voll und Valentin hatte tatsächlich die neuesten Videofilme.
Er legte sich hin und schloss die Augen. „Jetzt hab ich mit Valentin nicht nur Stifte und Pausenbrot getauscht, sondern die ganze Wohnung“, dachte er und spürte eine leichte Beklemmung in der Brust.
Er schnaufte tief durch, beruhigte sich wieder und holte sich eine Packung Kartoffelchips und einen Becher Vanillepudding. Dann marschierte er ins Kinderzimmer und legte den Film ein, den er schon immer mal sehen wollte. Er lehnte sich zurück und kam sich selbst auch fast wie in einem Film vor. Die Zeit verging wie im Flug.

Plötzlich schrillte das Telefon. Laurenz erschrak furchtbar. Um Himmels willen! Was sollte er tun? Er konnte doch nicht ans Telefon gehen...
Es klingelte wieder. Starr vor Schreck saß er im Sessel und sein Herz klopfte wie verrückt. Er wusste nicht, was er machen sollte und wartete ab.
Wieder ging das Telefon. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Ich könnte ja so tun, als ob ich Valentin wäre...“
Schon vor dem nächsten Klingeln hatte er sich entschieden. Er hob ab. „Ja?“, sagte er leise.
„Valentin?“, hörte er eine Männerstimme. „Sag mal, warum gehst du nicht ans Telefon?“
Laurenz schwieg.
„Hast du‘s denn nicht gehört?“
„Hm – nein“, druckste Laurenz herum.
„Na ja, macht nichts“, meinte Valentins Vater jetzt gut gelaunt. „Hauptsache ist, dass du da bist. Mir ist nämlich was Dummes passiert. Ich kann meinen Hausschlüssel nicht finden und grade heute hab ich früher frei.“
„Aha...“, sagte Laurenz kleinlaut.
„Freust du dich denn gar nicht?“ Die Stimme des Mannes klang enttäuscht. „Du hast dir doch immer gewünscht, dass ich mal früher heimkomme. Wir könnten endlich mal was zusammen unternehmen.“
Am anderen Ende der Leitung war es still.
„Also gut, Valentin, dann bis gleich!“
„Bis gleich??“ Laurenz bekam nun endgültig weiche Knie.
„Ja, ich ruf dich vom Handy aus an. Wenn du rausguckst, kannst du mich schon sehen.“
Laurenz warf den Hörer auf die Gabel und stürzte zum Fenster. In diesem Moment fuhr draußen ein großer, dunkelblauer Wagen vor.
Was sollte er tun? Er sah Valentins Vater aus dem Auto steigen.
Und hier in dieser fremden Wohnung stand er: Laurenz, der ungebetene Gast, der sich‘s hatte gut gehen lassen – mit Videofilmen, Pudding, Chips!
In seinem Kopf machte sich eine große Leere breit. Da – die Türglocke! Benommen und mit langsamen Schritten ging er auf die Haustür zu...


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